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Nicole Schneider Der Fluss

An einem Fluss lebte ein kleiner Stein. Er hatte sich eine Mulde am Ufer des Flusses gegraben, in der er schon lag, so lange er denken konnte. Ab und zu, wenn es windig war oder ein Schiff den Fluss entlang fuhr, leckten kleine Wellen über den Stein und kitzelten ihn. Vögel hüpften über ihn hinweg, um zu trinken, hin und wieder watschelten Enten oder ein Schwan über ihn, die am Ufer ausruhen wollten. Der kleine Stein kannte seine Nachbarn schon ewig, und auch der Blick in die Landschaft, die ihn umgab, war ihm so vertraut, dass er sie nicht missen wollte. Er war nicht besonders glücklich, aber er war zufrieden, schließlich kannte er all das ja schon, solange er sich erinnern konnte.

Deshalb konnte er auch gar nicht die Steine verstehen, die hin und wieder vor ihm im Fluss vorbeigerollt kamen. Ab und zu blieb einer im seichten Wasser liegen und verweilte dort einige Zeit, bevor er sich von der Strömung weiter treiben ließ. Der kleine Stein und seine Nachbarn blickten jedes Mal voller Argwohn und Unbehagen auf die Neuankömmlinge, die etwas außer Atem, aber scheinbar glücklich vor Ihnen zum Liegen kamen. Wie konnte man nur so ruhelos sein? Sie selbst waren schließlich auch sesshaft und zogen nicht umher. Hier, wo man lag, wusste man schließlich, was einen erwartete. Auch wenn die Neuankömmlinge von ihren Abenteuern berichteten, hörten die anderen Steine kaum hin oder rümpften nur die Nase. Was den kleinen Stein aber immer wieder wunderte, war, dass die vorbeirollenden Steine oft ganz anders aussahen als er und seine Nachbarn. Sie hatten nicht so viele Ecken und Kanten sondern waren rund und geschmeidig. Er schob diesen Gedanken jedoch immer wieder beiseite.

„He, komm doch mit“, rief dem Stein hin und wieder ein vorbeirollender Gefährte zu, wenn gerade eine kleine Welle über ihn hinwegrollte. Aber der kleine Stein klammerte sich fest und schüttelte den Kopf. Wer wusste schon, wo er dann wieder zum Liegen kommen würde. Wer wusste, ob es ihm da gefiel und ob die Nachbarn nett waren, ob die Landschaft so schön war und ob er da genauso einen schönen Liegeplatz finden würde. Und dann würde er sich auch noch eine neue Mulde buddeln müssen. Nein, das Risiko war einfach zu groß. Wenn er sich tatsächlich entscheiden würde aufzubrechen, würde er niemals wieder zurück können. Seine Gefährten, seine Mulde, alles wäre verloren. Nein, er würde hier bleiben. Hier fühlte er sich sicher.

So verging weitere Zeit, und dann, plötzlich, kam der große Regen. Es regnete und stürmte viele Tage ohne Pause, und das Wasser im Fluss stieg bedrohlich. Mit sorgenvoller Mine blickten die Steine am Ufer gen Himmel. Es sah nicht so aus, als würde es bald aufklaren. Wellen züngelten immer heftiger um den kleinen Stein, der sich in seine Mulde drückte, um nicht mit der Strömung fortgerissen zu werden. Entsetzt musste er mitansehen, wie seine Nachbarn, die vor ihm am Ufer gelegen hatten, weggespült wurden.

Immer fester klammerte er sich, und immer größer wurde seine Angst, weil er spürte, wie seine Kräfte langsam nachließen. Einer nach dem anderen von seinen Nachbarn wurde von der Strömung davongetragen. Das Wasser stieg immer weiter, und schließlich konnte auch der kleine Stein sich nicht mehr halten. Im aufgewühlten Wasser schlug irgendetwas gegen ihn, und er trieb ohnmächtig durch die unruhigen Fluten.

Als er erwachte, hatten Regen und Sturm nachgelassen, und er war auf einer kleinen Sandbank im Fluss gelandet. Sein Schädel brummte. Vorsichtig schaute er sich um. Ein bisschen weiter rechts lag einer von seinen ehemaligen Nachbarn und blickte sich ebenfalls ängstlich um - die anderen Steine um ihn herum kannte er nicht. Vorsichtig betastete er sich, ob ihm nichts geschehen war und erschrak, als er merkte, dass einige von seinen Ecken abgesplittert waren. Unsicher registrierte er, dass es sich zwar etwas ungewohnt anfühlte, aber nicht weh tat. „Oh, deine erste größere Reise?“, fragte ein runder Kiesel neben ihm, der bei weitem nicht so erschöpft und mitgenommen aussah, wie der kleine Stein sich fühlte. Er nickte benommen. „Ui, du hast vorher immer am gleichen Fleck gelegen?“, fragte er, und bevor der Stein wieder nicken konnte, fuhr er fort: „Früher habe ich auch mal so ausgesehen wie du, aber durch meine vielen Reisen bin ich jetzt so rund und glatt.Immer, wenn ich eine Zeit an einem Platz verweilt habe, lasse ich mich weiter treiben. Dadurch habe ich diese Form bekommen. Inzwischen ecke ich auch nicht mehr so oft an, und das Reisen fällt mir immer leichter.

Am Anfang hatte ich auch Angst, und die ersten Reisen waren sehr beschwerlich. Inzwischen halte ich es garnicht mehr lange an einem Platz aus. Der Fluss fließt immer weiter, und es ist so anstrengend und so schade, immer nur gegen die Strömung anzukämpfen. Ich habe schon soviel gesehen und erlebt. Ich habe meine Reise an der Quelle begonnen, und ich habe gehört, dass der Fluss irgendwann ins Meer mündet. Ich möchte nicht immer nur davon träumen, wie es da wohl aussehen könnte. Ich möchte es sehen.“ „Aber hast du denn keine Angst davor, alles zu verlieren?“, fragte der kleine Stein ungläubig. „Angst? Nein, nicht mehr“, antwortete der Kiesel und schüttelte den Kopf. „Das Wasser trägt mich mit sich, und ich muss mich kaum dafür anstrengen. Ufer und Sandbänke zum Ausruhen gibt es überall und andere Steine auch. Angst hätte ich, wenn ich mir jeden Tag Gedanken machen müsste, ob der Fluss mich vielleicht eines Tages davon reißt, und wie lange meine Kräfte reichen, um mich festzuhalten. Und ich hätte Angst etwas zu verpassen, wenn ich sehe, wie alles an mir vorübertreibt.“ Der kleine Stein versank in nachdenkliches Schweigen, bis schließlich die Nacht hereinbrach. Und als am nächsten Morgen die Sonne über den Baumwipfeln aufging, war der kleine Stein verschwunden. Nur eine winzige Mulde im seichten Wasser erinnerte an seinen Aufenthalt auf der Sandbank.

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